Die FOCUS-Kolumne von Jan Fleischhauer: Berlins großes Gehirnwäsche-Experiment: Sie haben aus Wählern Zombies gemacht

MAISCHBERGER am 27. Februar 2019 in Köln. Produziert vom WDR. Thema der Sendung: „Rettet die Biene, schützt den Wolf: Was ist uns der Naturschutz wert?“ Foto: Jan Fleischhauer, „Spiegel“-Autor - © Raimond Spekking
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Bestimmt haben auch Sie sich schon einmal diese Frage gestellt: Wie kann es eigentlich dazu kommen, dass Menschen freiwillig Parteien und Politiker wählen, die ihnen selbst mit ihren Entscheidungen eigentlich schaden und die mit den an sie gestellten Anforderungen erkennbar überfordert sind.

Wie kann es sein, dass Menschen Geld und Macht in die Hand von Politikern legen, die mit der Lösung einfachster Aufgaben überfordert sind? Die Antwort hierzu liefert ein Buch über Experimente mit Gehirnwäsche und deren Übertragbarkeit in die Politik. Vor 14 Jahren veröffentlichte die Globalisierungskritikerin Naomi Klein ein Buch mit dem Titel „Die Schock-Strategie“. Ausgehend von Experimenten eines kanadischen Psychiaters, der seine Patienten mit Psychodrogen und Elektroschocks malträtiert hatte, entwickelte sie darin eine Theorie des modernen Kapitalismus. So wie der Psychiater die Persönlichkeiten seiner Opfer zerstörte, um aus den Scherben eine neue Identität zu formen, unterziehe der Neoliberalismus die Menschen einer Umprogrammierung durch Katastrophen, damit sie sich unter das Joch der Ausbeutung begäben. Wer an der Übertragbarkeit der Gehirnwäsche aus dem Labor in die Politik zweifelt, muss nur nach Berlin schauen, um dort das bestätigt zu finden, was die Aktivistin irrtümlich dem Neoliberalismus zuschrieb. Denn in Berlin werden wir gerade Zeugen eines spannenden Psychoexperiments. Die Versuchsanordnung lautet: Wie schaffe ich es, eine Bevölkerung so um den Verstand zu bringen, dass sie jede Orientierung verliert und immer wieder das Unglück wählt, das sie kennt? Dass sie in Berlin auf spektakuläre Weise bei der Bewältigung einfachster Aufgaben scheitern, ist nicht ganz neu. Der Chefredakteur des Berliner „Tagesspiegel“, Lorenz Maroldt, hat zusammen mit dem Kolumnisten Harald Martenstein im vergangenen Jahr ein Buch vorgelegt, in dem auf 300 Seiten dem Alltag Rechnung getragen wird. Tote, die nicht unter die Erde kommen, weil es an Totenscheinen fehlt. Neugeborene, die nicht existieren, weil niemand sie ins Geburtenregister einträgt: Der ganz normale Berliner Wahnsinn. Doch es geht noch weiter. Auch öffentliche Wahlen werden nicht mehr rechtssicher abgehalten. Wenige Wochen sind seit dem Wahlsonntag vergangen, und noch immer kommen neue, bizarre Details ans Licht. Mancherorts lag die Wahlbeteiligung bei 150 Prozent. An anderer Stelle durfte man nur wählen, wenn man sich einverstanden erklärte, auf die Stimmabgabe zum Berliner Abgeordnetenhaus, die parallel zur Bundestagswahl stattfand, zu verzichten. In Berlin-Wilmersdorf wiederum haben sie die Ergebnisse einfach geschätzt. Das Wahldesaster war derart eklatant, dass die verantwortliche Wahlleiterin zwischenzeitlich zurückgetreten ist und nun gar höchstselbst die Wahl anfechten will. Der „Tagesspiegel“ präsentierte einen Wähler, der dreimal vergeblich versuchte, seine Stimme abzugeben. Beim ersten Mal erklärte man ihm, die Wahlzettel seien ausgegangen, er solle später wiederkommen. Beim zweiten Mal hatte sich vor dem Wahllokal eine solche Schlange gebildet, dass er unverrichteter Dinge wieder abzog. Der 90-Jährige konnte aus gesundheitlichen Gründen nicht so lange stehen. Beim dritten Mal hieß es dann, jetzt sei er zu spät dran. Da war es zwei Minuten nach sechs. Dafür durften rechtswidriger Weise auch Minderjährige abstimmen. Der 17-jährige Nemer erzählte einem Redakteur, wie er mit seiner Mutter ins Wahllokal marschierte, weil er auf TikTok gehört hatte, dass Wählen ab 16 erlaubt sei. Dort händigte man ihm umstandslos alle Wahlzettel aus, nicht nur den für die Bezirksverordnetensammlung, in der Wählen ab 16 in der Tat erlaubt war, sondern darüberhinaus auch den für das Abgeordnetenhaus und den für die Bundestagswahl. Ein Wahlhelfer habe ihm dann erklärt, in welche Urne welcher Zettel komme, berichtete der Junge. Eigentlich sollte man nun erwarten, dass die Bürger bei der ersten Gelegenheit diese Regierung zum Teufel jagen. Aber das Verrückte an der Sache ist: Die Berliner haben Rot-Rot-Grün für die himmelschreiende Inkompetenz nicht abgewählt, sondern im Gegenteil gar mit einem Plus von zwei Prozentpunkten im Amt bestätigt. Wie das möglich ist? Indem man die Menschen ständig mit Schock-Szenarien konfrontiert. Das zermürbt. Man kennt das von Traumaopfern: Irgendwann wanken sie wie Zombies durch die Gegend, unfähig, einen klaren Gedanken zu fassen.

Quelle: FOCUS

Titelbild Quelle: MAISCHBERGER am 27. Februar 2019 in Köln. Produziert vom WDR. Thema der Sendung: „Rettet die Biene, schützt den Wolf: Was ist uns der Naturschutz wert?“ Foto: Jan Fleischhauer, „Spiegel“-Autor – © Raimond Spekking

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