„Rastertherapie“ nach Schema F: „Ich hätte die Krise bekommen, wenn ich in einem festen Zeitraum gesund werden muss“

IconTrack, CC BY 4.0 , via Wikimedia Commons

BETROFFENE WEHREN SICH

Niemand ist davor gefeit, in eine Lebenskrise zu geraten

Der Tod eines geliebten Menschen, Arbeitslosigkeit, eine schwere Erkrankung oder auch ganz einfach nur die zahlreichen Anforderungen des Alltags, der jahrelange Spagat zwischen Kindern, Haushalt und Beruf – all das kann dazu führen, dass ein Mensch in seinem Leben aus dem Tritt gerät. Viele Betroffene haben schon einen längeren Leidensweg hinter sich, bis sie professionelle Hilfe erhalten. Nicht nur, weil diese Art von Erkrankungen noch immer bei dem ein oder anderen schambehaftet ist und derjenige zunächst versucht, selbst mit seiner Misere zurechtzukommen. Sondern auch, weil die Zahl der Therapieplätze nach wie vor deutlich zu gering ist und viele erstmal eine ganze Weile auf der Warteliste harren, bis endlich eine geeignete Therapiemassnahme für sie zur Verfügung steht.

Bislang war es jedoch so, dass jemand, der dann ein Therapieangebot erhalten hat, dieses in Anspruch nehmen kann, so lange er es eben aufgrund seiner persönlichen Situation und der Schwere der Erkrankung benötigt. Doch damit soll jetzt Schluss sein. Denn Bundesgesundheitsminister Jens Spahn plant nun die sogenannte „Rastertherapie“.

Depression: 20 Therapiestunden. Burnout: 15 Behandlungseinheiten. Was bisher individuelle Therapien sind, könnte nach dem Willen von Jens Spahn ab 2023 nach einem starren Schema ablaufen – individuelle Hilfe zum Wohle des einzelnen Patienten war gestern. Betroffene und Therapeuten sind entsetzt und laufen dagegen Sturm. Etwa 18 Millionen Erwachsene in Deutschland erfüllen jedes Jahr die Kriterien für eine psychische Erkrankung. Am häufigsten kommen dabei Angststörungen, Depressionen oder psychische Störungen durch Alkohol- oder Medikamentengebrauch vor. Wie kann man also möglichst viele Betroffene versorgen, wenn aktuell nur etwa zwei Millionen Menschen in einer ambulanten Therapie sind? Dafür hat das Bundesgesundheitsministerium einen neuen Vorschlag entwickelt: Die „Rastertherapie“.

Nach Recherchen der Bundespsychotherapeutenkammer soll dann künftig am Anfang einer Psychotherapie nicht mehr die individuelle Diagnose und Abstimmung der Behandlung mit dem Patienten stehen, sondern grobe Kriterien, die nach Schema F festlegen, ob und wie lange ein Patient behandelt werden darf. Bekommt ein Patient also am Anfang beispielsweise die Diagnose Depression – was immerhin rund 1,4 Millionen Menschen pro Jahr betrifft – könnte es dann festgelegte Kriterien geben, wie diese Person zu behandeln ist. Für individuelle Beratungen und Behandlungen bliebe dabei wohl wenig Zeit, kritisieren Verbände, Therapeuten und Betroffene. „Ich hätte die Krise bekommen, hätte man mir gesagt: Du hast diesen festen Zeitraum und in dem musst du gesund werden, denn danach wirst du rausgeschmissen. Mich hätte das total unter Druck gesetzt“, sagt Sophia Sailer, die zunächst längere Zeit bezüglich Depressionen behandelt wurde, bis sich später herausstellte, dass sie tatsächlich unter einer Borderline-Störung leidet. Nicht immer sind psychische Erkrankungen trennscharf und auf Anhieb klar zuzuordnen. Darüberhinaus gibt es auch zahlreiche Menschen, die an einem komplexen Störungsbild aus kombinierten psychischen Erkrankungen leiden.

Die Überlegungen des Bundesgesundheitsministeiums gehen mal wieder an der Lebenswirklichkeit vorbei. Statt möglichst allen auf die Schnelle den Beginn einer Therapie zu ermöglichen, diese aber bereits von vornherein knapp zu begrenzen und damit für Kranke einen psychischen Druck aufzubauen, der für den Erfolg ihrer Therapie eher kontraproduktiv ist, wäre es an der Zeit, die Realität anzuerkennen. Offenbar gibt es zahlreiche Faktoren in unserer modernen Arbeitswelt und Gesellschaft, die den Anstieg psychischer Erkrankungen begünstigen. Hier ist eine konkrete Analyse erforderlich, um diese Faktoren zu ermitteln und den Stressfaktoren so weit wie möglich entgegenzuwirken. Und es ist notwendig, zu erkennen, dass statt einer Begrenzung der Therapiezeit und dem Versuch einer Therapie nach Schema F, bei einer Vielzahl aktuell Erkrankter und steigender Tendenz der Fallzahlen schlicht und ergreifend eine bessere Infrastruktur vonnöten wäre: Mehr Anlaufstellen und eine leichtere Zugänglichkeit auch für gesetzlich Versicherte!

"Rastertherapie" nach Schema F: "Ich hätte die Krise bekommen, wenn ich in einem festen Zeitraum gesund werden muss"

„Rastertherapie“ nach Schema F: „Ich hätte die Krise bekommen, wenn ich in einem festen Zeitraum gesund werden muss“

Quelle: Stern.de – Bildquelle Titel: IconTrack, CC BY 4.0 https://creativecommons.org/licenses/by/4.0, via Wikimedia Commons

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