Berliner Arzt veröffentlicht Chaos-Protokoll aus Impfzentrum: „Ich bin fassungslos“

Hustende und schniefende Mediziner, die ohne Schnelltest und eigene Impfung auf Patienten losgelassen werden: So beschreibt ein Impfarzt das Arbeiten in einem Berliner Corona-Impfzentrum. Der Berliner Arzt, der gerade das Vertrauen in die politisch Verantwortlichen zu verlieren droht, hat sich nun bei der NZZ gemeldet. Denn was er in dieser Woche bei seinem ersten Einsatz im Impfzentrum auf dem Messegelände der Hauptstadt erlebt hat, macht ihn fassungslos. Der Mediziner hält die Vorgänge für so beunruhigend, dass er sie nicht für sich behalten will.

So wird beispielsweise bei den im Impfzentrum tätigen Ärzten nur die Körpertemperatur gemessen – draußen vor der Tür, bei etwa acht Grad Celsius, mit einem Infrarot-Fieberthermometer auf der Stirn. Corona-Schnelltests hingegen sind bei den Ärtzen nicht vorgesehen, denn es gibt weder Schnelltests noch die Räume hierfür. Dann wird die Gruppe aus etwa 30 Ärzten in einen Besprechungsraum geführt, wo sich der Leiter des Impfprojektes vorstellt.
Es folgt eine kurze Einweisung, bei der eine Ärztin ausgiebig hustet und sich mehrmals schnäuzt. Auf Nachfrage erklärt nur rund ein Drittel der Ärzte, dass sie selbst bereits gegen Corona geimpft seien. Der Leiter des Impfzentrums äußert seinen Unmut über diese Tatsache und bietet der ungeimpften Mehrheit seine Hilfe an, Druck bei der Kassenärztlichen Vereinigung, zu machen, damit auch sie möglichst bald geimpft werden.

Die Impfung läuft dann so ab: Ein Dokumentationsassistent bringt die Patienten in eine Kabine, wo als Erstes ein Aufklärungsgespräch stattfindet. Bei den Gesprächen stellt sich heraus, dass die Mehrheit betagt ist und etwa 60, 70 Prozent unter schweren Vorerkrankungen leiden. Die Impfung dauert dann fünf bis zehn Minuten. Auf der Impfstraße herrscht ein reges Kommen und Gehen: Nicht nur die Ärzte laufen in dieser Zeit ständig von einer Kabine zur nächsten, sondern auch die Dokumentationsassistenten und zahlreiche Begleitpersonen. Dazu kommen die Soldaten, die neue Chargen mit dem Impfstoff von Biontech vorbeibringen.

Stellt man sich nun vor, die offensichtlich erkältete Ärztin oder ein anderer, asymptomatischer Arzt wären mit dem Coronavirus infiziert gewesen. Dann hätten sie an diesem Tag sowohl die zahlreichen anderen Ärzte als auch die Dokumentationsassistenten und die Soldaten anstecken können. Vor allem aber wären sie eine Gefahr für die meist immungeschwächten betagten Patienten gewesen. Und diese kommen in dem guten Glauben, dass in einem Impfzentrum alle Vorsichtsmaßnahmen getroffen werden, um eine Infektionsgefahr für sie zu verhindern. Wo, wenn nicht an diesem Ort?!

https://www.focus.de/gesundheit/coronavirus/gastbeitrag-der-nzz-berliner-arzt-ich-bin-fassungslos_id_13124947.html